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23.04.2012 

 

 

 TRIGA - Der Verlag Gerlinde Heß

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Wolfgang Weber : Die Bande des Reca Kelmendi

 

Leseprobe (Buchseiten 61 - 64)

Cenan geleitete mit betonter Höflichkeit den Schulinspektor nach hinten zu einer eigens für diesen bereitgestellten Schulbank. Schwer atmend, baute sich Lehrerin Schlüter vor der Klasse auf, verdrehte die Augen und dröhnte los: »Also Herrschaften, dann wollen wir mal. Ihr habt heute die große Ehre, dass sich der Herr Schulinspektor geschlagene zwei Stunden Zeit für euch nimmt. Das kommt wahrlich nicht alle Tage vor, und so werdet ihr sicher euer Bestes geben. Also: Das Thema ›Afrika‹ steht nun schon geraume Zeit auf unserem Programm, und heute haben wir es mit Oasen zu tun. Also: Oasen gibt es überall, wo in der Wüste Wasser ist, denn die Wüste besteht nicht nur aus Sand. Und in den Oasen gibt es Obst, zum Beispiel Aprikosen, Granatäpfel, Zitrusfrüchte, Mandeln und Oliven. Sogar Getreide wächst in den Oasen. Es gibt Gerste, Weizen und Hirse. Darüber hinaus gibt es Möhren, Bohnen, Tomaten und Erbsen ...« Fräulein Schlüter schien in Schwung zu kommen und berichtete über Oasenbrunnen und über das Bewässerungssystem. Doch als sie sich anschickte, ein Tafelbild zu erstellen, ging die Tür auf, und der Klassensprecher der 8 b tänzelte unter dem nun einsetzenden Gejohle seiner Mitschüler herein und begab sich, mit den Armen winkend, an seinen Platz. Die Konrektorin glupschte aus kleinen Augen und mit zusammengepressten Lippen den Zuspätgekommenen an: »Na, sieht man den Herrn Schul- und Klassensprecher auch mal wieder?«, fuhr sie ihn schließlich an. »Hast wohl eine kreative Auszeit genommen, wie?« Lukki Ostram parierte sofort und souverän: »Nun mal langsam, Sumo-Tante. Erstens war ich in den letzten Tagen in Bagdad auf der Möbelschau; das müsste sich doch längst rumgesprochen haben. Und als ich in Bremen aus dem Flieger rauskraxelte und in den Zug gestiegen bin, stellte sich raus, dass die Lokomotive einen Platten hatte. So kann’s denn halt mal passieren, dass einer zu spät kommt. Noch nie was von höherer Gewalt gehört?!« Fräulein Schlüter wies den Schüler fauchend und mit ausgestrecktem Arm auf seinen Platz und hielt es für angezeigt – gerade mit Blick auf den anwesenden Schulinspektor Kirschke – weiterhin die pädagogischen Muskeln spielen zu lassen. Sie langte ihr Lehrernotizbuch hervor und blätterte darin. Danach wandte sie sich wieder dem Säumigen zu, der inzwischen den Inhalt seiner Schultasche, bestehend aus einigen zerfl edderten Heften, einer Taschenlampe sowie einer Packung Zigaretten, auf seiner Bank entleert hatte. »Wir hatten das Thema ›Afrika‹«, rief sie, »erzähl uns also etwas über Afrika!« Lukki Ostram kramte umständlich in seinen Heften und zuckte schließlich mit den Achseln. »Das Übliche also«, zischte die Lehrerin, »Schule schwänzen, keine Hausaufgaben und dazu noch Stroh in der Birne. Aber so billig wie sonst kommst du mir heute nicht davon. Also: Warum gibt es auch und vor allem in Afrika Flussbetten?« Lukkis Antwort kam zwar zögerlich, ließ aber an verschmitztem Charme nichts zu wünschen übrig. »Na, irgendwo müssen die Fische doch pennen.« Fräulein Schlüter machte sich mit verbiestertem Gesicht Notizen. »Eine letzte Chance für dich Nichtsnutz«, murmelte sie schließlich. »Welche Bedeutung haben die Kokosnüsse für die Einwohner Afrikas?« »Die Kokosnüsse haben für die Afrikaner eine große Bedeutung «, antwortete Lukki Ostram nun recht locker, »vor allem, wenn sie den Bimbos nicht auf die Birne knallen.« »Danke, das genügt«, gab ihm die Lehrerin Bescheid, »die erste Sechs in deinem Sommerzeugnis hat du soeben sichergestellt. Und jetzt Themenwechsel: Ihr solltet bereits letzte Woche alte Bauernregeln aufschreiben. Welche, mein Junge, hast du denn herausgefunden?« Lukki Ostram kratzte sich, scheinbar verlegen lächelnd, hinter seinem Ohr. »Oje, oje«, meinte er schließlich, »mein Gedächtnis trocknet immer mehr aus.« Fräulein Schlüter vermochte nur noch mühsam die Contenance zu wahren, während hinten im Klassenraum Herr Kirschke an seiner Bank griente und sich Notizen machte. »Phuong«, rief die Konrektorin schließlich, »gib deinem genialen Klassenkameraden mal ’nen ordentlichen Kick, und lies ihm einige Bauernregeln vor!« Die zierliche Vietnamesin schlug ihr Heft auf und trug vor: »Gräbt der Hamster tief sich ein, wird’s ein strenger Winter sein.« »Sehr schön, Phuong!«, lobte die dicke Lehrerin, »hast du noch eine weitere Bauernregel?« Die Schülerin las: »Donnert’s im September noch, wird der Schnee um Weihnacht hoch.« Fräulein Schlüter schwelgte: »Ausgezeichnet! An unserer Phuong kann sich so mancher hier in der Klasse ein Beispiel nehmen.« Sie wandte sich mit barscher Stimme wieder dem Schüler Ostram zu. »Und jetzt bist du an der Reihe. Wir sind schon alle ganz gespannt auf deine Bauernregel.« Der Junge sah sich ein wenig in der Klasse um, grinste, und dann schallte es Fräulein Schlüter fröhlich entgegen: »Meine Bauernregel lautet: ›Gewitter im Mai – ist der April vorbei‹.« Die Lehrerin ballte die Fäuste und schrie: »Mit meiner Geduld ist es jetzt auch vorbei, du verkommener Penner. Ständig die Schule schwänzen ... und wenn sich der Monsieur bequemt, doch mal zu erscheinen, gibt er jedes Mal den Klassen-August. Ich möchte bloß mal wissen, was aus dir werden soll?!« »Entweder Frührentner«, entgegnete Lukki ungerührt, »oder Offizier; der nächste Gipskrieg kommt bestimmt.« Ein mächtiges Gebrüll setzte nun ein. Die Klasse und Fräulein Schlüter überboten sich dabei gegenseitig, wobei Schüler Ostram auf einen theatralischen Wink der Lehrerin mit hocherhobenen Armen aus dem Klassenraum tanzte, nicht ohne jedoch vorher flugs sein Zigarettenpäckchen eingesteckt zu haben. »Lass es dir schmecken, Lukki!«, wurde ihm nachgerufen, während die Schlüter mit Schreien und Gestikulieren den Tumult einzudämmen versuchte. Erst allmählich trat Ruhe ein, und die Lehrerin konnte ihren Vortrag über die Wüstenoasen zu Ende bringen, um dann gegen Ende der Stunde die üblichen Fragen zum Thema entgegenzunehmen. Diesmal war es Anatoli Belevzov, der sich meldete. »Warrt ihrr, Lehrerin, auch schon gewässen in Affrikaa?« Die Konrektorin schielte den jungen Russen, der sich sonst nie meldete, um sich konstruktiv in den Unterricht einzubringen, misstrauisch an, dann verneinte sie mit einiger Höfl ichkeit, die sie sich abzwang, worauf Anatoli kund tat: »Wenn ihr noch nie warrt in Affrikaa, dann Lehrerin, misst ihr auch kännän mein’ Tante Amalia Belevzov; die warr auch noch nie in Affrikaa.« Unter dem Gejohle der 8 b ertönte schließlich das Läuten zur Großen Pause, und die Lehrerin wankte schweren Schrittes und mit hochrotem Kopf nach draußen, während sich Inspektor Kirschke im Klassenraum umzuschauen begann. An der großen Pinnwand links von der Tür verharrte er schließlich und besah sich die Collagen zum Thema Drogen, die die 8 b erstellt hatte. »Sehr beeindruckend«, meinte er anerkennend zur Klasse, die sich inzwischen um ihn geschart hatte. »Ihr habt wirklich gute Motiv-Ideen gehabt und sie auch umgesetzt. Vor allem der Fixer hier auf dem Bild, der in der Toilette gerade die Nadel ansetzt.«

 

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