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1. Leseprobe
Seite 12 bis 13: Das Alte Testament übermittelt uns bereits, dass der König David durch sein Harfenspiel die Traurigkeit und Schwermut des König Sauls linderte. Diese Geschichte hat auch Maler intrigiert, einer der Höhepunkte ist das Spätwerk »David und Saul« (1655-60) von Rembrandt. Einerseits vermuteten schon die alten Griechen, dass die Musik eine Zauberkraft auf unsere Psyche ausüben würde, dies bezeugt unter anderem der Mythos des Orpheus, Sohn des Flussgottes Oiagros und der Muse Kalliope. Mit seinem Gesang und seinem Saitenspiel bezauberte er sogar die Tiere des Waldes. Seine geliebte Gattin, die Nymphe Eurydike, wurde von einer Schlange gebissen und musste sterben. Durch Anflehen der Götter wurde ihm erlaubt, in die Unterwelt zu steigen, um Eurydike zu erlösen. Obwohl ihm auferlegt wurde, sich nicht nach ihr umzudrehen bis zum Ausgang des Reiches der Toten, erlag seine brennende Sehnsucht der Versuchung und Eurydike verschwand für immer. Unter Berücksichtigung dieses Mythos könnte man anbringen, dass Musik alles bewegen kann, sogar den Tod besiegen. Anderseits verwendet unsere heutige moderne Medizin Ausdrücke, welche die Griechen bereits in den Mittelpunkt ihres Bezuges zur Musik stellten. Beim Messen des Blutdruckes kennen wir die zwei Werte systolisch, welcher das Zusammenziehen des Herzmuskels oder der Arterie bewertet, ein Begriff, welcher vorwiegend die Seelenlage in Gesängen des Klagens oder Anflehens beschrieb, sowie diastolisch, welcher die Erweiterung des Herzmuskels oder der Arterie bewertet, ein Wortbegriff, mit welchem die Griechen heroische Taten bezeichneten. Der Volksglaube, dass Musik Menschen schützen, somit als Talisman dienen und gleichzeitig Tiere zähmen kann, spielt sich auf eindrucksvolle Weise in der Oper »Die Zauberflöte« von Wolfgang Amadeus Mozart ab. Anderswo war das Harfenspiel auch geschätzt, das Begehren der Liebenden nach höherem sinnlichem Vergnügen anzuspornen. Der Harfenist hatte in seiner voyeuristischen Position das Vergnügen, die Darbietung zu beäugeln. Auch in der Sage von Tristan und Isolde wird die Liebesglut der beiden mit dem Flötenspiel eines Hirten entflammt. Die heute noch wohl bekannte Auffassung, dass »Musik Nahrung für die Liebe« sei, stammt womöglich aus sehr frühen Zeiten. Die Musik hilft uns auch aus der Vereinsamung und der sich daraus entwickelnde Einsamkeit, oder verdrängt das Nicht-traurig-sein-Können, indem sie uns heiter stimmt.
Seite 75 bis 76: Angst vor unserem eigenen Fühlen, Furcht vor der Lust, Besorgnis, sie nicht zu erdulden. Lähmung, sich fallen zu lassen, nicht mehr bewusst sein, was uns an Worten und Gesten entkommt. Verzweiflung, unser Eigenes zu verlieren. Alle diese Ängste halten uns fern vom Leben. Unsere Seele leidet in abwartender Haltung auf die Empfindungen, deren Schönheit ihr durch unser Verhalten vorenthalten bleibt. Aus Angst und falscher Scham erwürgen wir unsere Gefühle bereits im Aufkommen. Wer wagt, sich als Genießer des Lebens zu nennen, seiner sinnlichen Lust, seinen Freuden Zeit zu gönnen, ohne sie von der Eile verdrängen zu lassen? Unser ganzes Sein strahlt Leben aus, wir nehmen die Schwingungen und Vibrationen unseres Körpers wahr, die auch Liebkosungen für unsere Seele sind. Unser Äußeres berührt unser Inneres. Das endlose Ineinanderfließen erinnert uns an die Zahl 8, die ein Symbol für das Unendliche ist. Diese wechselseitige Fühlungnahme verwandelt unser Dasein in Wonne und ist eine Kostbarkeit, die das Leben lebenswert und sinnreich macht. Sie ist nicht das uns selbst und den anderen Vorgetäuschte, der äußere Schein. Nichtsdestoweniger geschieht es, dass die Frau dem Mann während des Liebesaktes ihre Lust vorspielt und den Orgasmus vortäuscht, was sicherlich für sie einfacher ist als für den Mann, der seinerseits auch einen Samenerguss oder eine Erektion haben kann, ohne Lust zu verspüren. Ferner ist es ihm möglich, die Lust ohne Erektion zu empfinden. Wir sind öfters der Ansicht, dass der »hoffähige« Koitus mit einer Ejakulation besiegelt werden müsse. Folglich wird der männliche Orgasmus eng mit der Ejakulation, somit der Zeugungsfähigkeit, verbunden, wogegen die Frau einen rein erotisch ausgerichteten Orgasmus erlebt, entflammt indessen die Klitoris ausschließlich die Lustempfindung und fördert deren Genuss. Können solche Blendwerke des Partners und vor allem sich selbst gegenüber von Dauer sein? Handelt es sich bei diesem Vortäuschungsspiel um einen Lustverfall oder war das Verlangen nach Sex unter Umständen nie da? Wir können uns auch die Frage stellen, »wie ist es möglich, Lust zu genießen, wenn man nicht gelernt hat, sie zu wünschen, sich nach ihr zu sehnen«? Sicherlich hat der Mensch schon immer für sein Sexualleben nach an- und erregender Erotik, nach gesteigerter Empfindung, nach faszinierendem Reiz Ausschau gehalten, vorab um die Schwingungen der Erotik zusammen zu genießen. Sexuelle Wunschvorstellungen, Phantastereien ...
Seite 93 bis 94: Kein anderer Körperteil hat so viele Änderungen erfahren wie die weibliche Brust. Ihre Größe, die Art ihrer Betonung, ihre Hervorhebung oder ihr Verheimlichen sind von Kultur zu Kultur sehr unterschiedlich und haben auch verschiedene Aspekte in derselben Gesellschaft. Seit Jahrtausenden, dem Ursprung der Kunst, herrscht die Ambiguität in den menschlichen Phantasien des großen und des kleinen Busen, des Busen, an dem man Ruhe findet, der mit Schmuckstücken gezierte, der Kapitalbusen. Das Gestein der Wände der Höhlen wurde bereits mit weiblichen Figuren behauen, wo bemerkenswert voluminöse Busen, des Öfteren in Harmonie mit rundlichen Bäuchen und breiten Hüften dargestellt wurden. Anderseits wurde der Busen auch nur in sehr stilisierten Silhouetten leicht angedeutet. Die Statuetten der griechischen Antike zeigen eher bescheidene Rundungen, ohne jegliche Andeutung an Erotik, wie Liebkosung der Brust, und doch stellen diese Figurinen öfters erotische Szenen dar. Auch die Römer zeigten wenig sinnliches Verlangen für den weiblichen Busen. Der römische Dichter Ovid (Publius Ovidius Naso, 43 v. Chr–18 n. Chr) schreibt in seiner »Liebeskunst«, dass man die flache Brust zudecken soll und nur eine makellose entblößen. Es ist jedoch eine nackte Schulter, die seine Lust zum Küssen erweckt, und nicht der Busen selbst. Die Fresken in Pompeji sind bekannt für sehr erotische Szenen, wo Frauen nackt auf den Männern reiten und doch sind ihre Busen meist kaum sichtbar und wenn noch klein oder nur leicht betont oder, was zu jener Zeit auch im Alltag Gebrauch war, mit einem Band bedeckt. Im Mittelalter beschreiben die Dichter mit großem Raffinement die kleinen zarten Lieblichkeiten, welche die Venuswesen verführerisch gekonnt durch die transparente Bekleidung erraten lassen. Mit der Renaissance erfährt die weibliche Brust in der Malerei eine starke erotische Ausstrahlung. Tizian (Tiziano Vecellio, 1477–1576) italienischer Maler, vor allem Peter Paul Rubens (1577-1640), flämischer Maler, heben deren Formen in ihren Gemälden hervor und lassen sie auch berühren und sinnlich liebkosen. Die letees werden tiefer, in den Korsagen werden Fischbeine eingenäht, um den zartweißen rundlichen Busen zur Geltung zu bringen. Der Bürgerstand ist jedoch von voluminösen Formen angezogen und lässt sie in Korsetts einschnüren, bis im zwanzigsten Jahrhundert die klassischen weiblichen Attribute wieder kaschiert werden und der sportliche, spindeldürre Frauenkörper ohne jegliche Rundungen angestrebt wird. Nebenbei hielt man aber auch die üppigen und großzügigen Formen zur Schau, besonders im Film wurden Stars mit prallen Busen gefragt. Die Mode »Oben ohne« ist jetzt ersetzt durch »Mitten ohne«. Auch heute hofieren wir noch beide Tendenzen je nach Garderobe, wird mit mehr Schaumstoff, Wasserbeutel oder Luft aufgefüllt, um den angestrebten Effekt zu erreichen. Wie wäre es, wenn Frauen zur Befriedigung der männlichen Phantasien nicht nur zwei, sondern vier Busen hätten, einen zierlich anmutigen »Tagesbusen«, den man ein- und verkleidet und der nur für die Augen erreichbar ist und auf Distanz verführt, sowie einen vollen, fassbaren »Nachtbusen«, den man nicht nur mit den Augen ausziehen, aber auch in den Händen verspüren darf? Die Kunst der ästhetischen Chirurgie bietet uns, je nach Lust und Laune das Volumen zu vergrößern oder zu verringern. Die Frau wünscht sich zu Weihnachten eine »Restaurierung ihrer Fassade«, ein Facelifting, und die 18-jährige Tochter kriegt eine Busenvergrößerung.
Seite 130 bis 131: Wie in den libretti der vorerwähnten Opern das Leben als Spiel gezeigt wird, kann es auch für uns eine Erleichterung sein, unser Leben als Spiel zu betrachten, mit seinen multiplen Schattierungen. Wir sind mal Akteure einer Komödie, eines Dramas, eines Liebesspieles. Wie die Bühnenbilder nicht von Dauer sind, wechseln und verwandeln sich auch unsere Rollen, sie entstehen und vergehen und lassen etwas Neuem Platz. Ein Teil unserer Person erfährt eine Wandlung, eine Art Neugeburt und wir stehen ständig wie vor einem Neuanfang, in der Endlichkeit, wo wieder Neues, Unbekanntes entstehen und vergehen kann. Ein Sprichwort sagt doch schön: »Im Vergehenden ist das Bleibende.« Auch unsere sexuelle Lust auf den Partner kann erlöschen, unser Verlangen nach ihm abklingen, oder unser Erfolg bei ihm verblassen, dennoch vermag sich die Verbindung der Liebe zu verstärken. Sexuelles Verlangen und Liebe sind zwei Gefühle, die sich auf derselben Ebene befinden, jedoch nicht miteinander verwechselt werden dürfen. Die Liebe ist die uns überkommende Empfindung, mit einem Menschen einen Teil unserer Wünsche zu erfüllen. Wogegen das sexuelle Begehren auf der Fähigkeit ruht, sich seine Lust zu phantasieren und anzustreben, dies zu verwirklichen, fähig zu sein, mit seiner körperlichen wie geistigen Erregtheit zu spielen, was einen Körper und Geist vorausschickt. Wie kommt es, dass Paare schon nach einem Jahr Liebesmangel betrauern und ihre gegenseitige Lust erschöpft ist und andere sich über Jahrzehnte sehnlichst verlangen? Die Letzteren haben begriffen, dass das Begehren eine zarte Flamme ist, welche wie die Zuneigung Unterhalt ersucht. Ihre Alchimie ist rätselhaft und doch sind ihre vielfältigen Komponenten bekannt, die wichtigsten darunter sind Einfallsreichtum, Selbstständigkeit, Verständigung, Zärtlichkeit. Sich nicht mehr länger sprechen, ständig auf dieselbe Art und Weise, schablonenhaft miteinander schlafen sind die zwei gefährlichsten »Lusttöter«. Ohne Zuneigung, ohne Dialog weder Einverständnis noch Lust! Wie kann man sich auf jemanden fallen lassen, wenn man nicht verstanden ist?
2. Leseprobe
(Buchseite 92-96): Der Wandel der Erotik
Im Mittelalter wurde der Sexualverkehr eher als öffentlicher Akt betrachtet, denn die Brautleute waren öfters gehalten, ihren Eltern zu beweisen, oder auch den Verwandten, die jeweilig nicht als Voyeure dem Ereignis beiwohnten, sondern der Vater des Paares wollte sich anscheinend bestätigt sehen, dass die Ehe durch die männliche Penetration und Ejakulation auch vollzogen wurde. Wir können uns vorstellen, dass jener Beischlaf wenig mit Liebe zu tun hatte, sondern überwiegend auf wirtschaftlichen oder politischen Interessen ruhte. Es ist bemerkenswert, dass uns gerade aus jener Zeit etliche Romane wie auch Illustrationen Szenen von der ehebrecherischen Liebe überliefern. In der heutigen Zeit berücksichtigen wir den Geschlechtsverkehr als sehr persönlich und intim. Nichtsdestoweniger werden die Grenzen zwischen Erotik und Pornografie mehr und mehr verschwommen, billige Pornografie verdrängt sinnliche Erotik und bringt erlesene vornehme Schattierungen der Kunst und Dichtung ins Verschwinden. Die Medien zeigen mit Bevorzugung alle möglichen Varianten von Sexualität, die noch vor kurzem ausschließlich unserer Intimität angehörten. Wir können uns bereits die Frage stellen, ob es noch eine private Sphäre gibt. Sind unsere tiefsten Geheimnisse womöglich bereits im Blickfang der Medien? Ist es sogar möglich, dass unsere lüsternen Erfahrungen bereits das große Publikum ergötzen? Wird möglicherweise dabei noch Geld verdient? Oder sind wir es, die Gesellschaft, die sich nach Intimszenen am Bildschirm verzehrt? Sonntag, 9 Uhr in der Früh, Montag, Freitag, abends 21 Uhr, die Straßen sind leer, in den Fitnesszentren, Tempel des Körperkultes herrscht rege Stimmung, meist die Üblichen, die ihre Lust mit Gewichtheben, die angehäufte und nicht verbrauchte Energie auf dem Steprace, Laufteppich oder beim Rudern ausleben. Auch kalorienmäßig machen wir ein gutes Geschäft, beim Steppen werden wir in 5 Minuten durchschnittlich 50 Kilokalorien los, denn gering ist der Verbrauch beim Sex, in 20 Minuten aktiver Betätigung geben wir lediglich 35 Kilokalorien ab oder um dreimal 40 Minuten Training pro Woche zu kompensieren, müssten wir 13 Stunden im Bett aktiv sein. Die bespiegelten Wände der Trimmräume dienen nicht nur dazu, unsere Haltung zu überwachen, sondern wir finden eine hedonistisch narzisstische Lust, unserem Look Ehre zu bezeugen. Wir, Frau und Mann, erfahren diesen Kampf um die Schönheit sieben Tage in der Woche als Eigenlust, wir leben für unseren eigenen Körper. Vor allem haben wir weniger Stress, denn wir müssen unserem Partner nichts beweisen, nichts vormachen, wird doch der Anspruch der Frau immer größer und die Verbindungen umständlicher. Wir verdrängen unsere sexuelle Lust nicht, denn bequem im Fauteuil oder auf dem Bett glotzen wir entspannend fern oder chatten auf einer Erotik-Seite im Internet, ohne jeglicher Verpflichtung nachkommen zu müssen. Jean-Jacques Rousseau (Philosoph und Pädagoge, 1712–1778) sagte: »Je verderbter das Innere ist, desto mehr Wert legt man auf Äußerlichkeiten.« Kein anderer Körperteil hat so viele Änderungen erfahren wie die weibliche Brust. Ihre Größe, die Art ihrer Betonung, ihre Hervorhebung oder ihr Verheimlichen sind von Kultur zu Kultur sehr unterschiedlich und haben auch verschiedene Aspekte in derselben Gesellschaft. Seit Jahrtausenden, dem Ursprung der Kunst, herrscht die Ambiguität in den menschlichen Phantasien des großen und des kleinen Busen, des Busen, an dem man Ruhe findet, der mit Schmuckstücken gezierte, der Kapitalbusen. Das Gestein der Wände der Höhlen wurde bereits mit weiblichen Figuren behauen, wo bemerkenswert voluminöse Busen, des Öfteren in Harmonie mit rundlichen Bäuchen und breiten Hüften dargestellt wurden. Wiederum wurde der Busen auch nur in sehr stilisierten Silhouetten leicht angedeutet. Die Statuetten der griechischen Antike zeigen eher bescheidene Rundungen, ohne jegliche Andeutung an Erotik, wie Liebkosung der Brust, und doch stellen diese Figurinen öfters erotische Szenen dar. Auch die Römer zeigten wenig sinnliches Verlangen für den weiblichen Busen. Der römische Dichter Ovid (Publius Ovidius Naso, 43 v. Chr.–18 n. Chr.) schreibt in seiner »Liebeskunst«, dass man die flache Brust zudecken soll und nur eine makellose entblößen. Es ist jedoch eine nackte Schulter, die seine Lust zum Küssen erweckt, und nicht der Busen selbst. Die Fresken in Pompeji sind bekannt für sehr erotische Szenen, wo Frauen nackt auf den Männern reiten und doch sind ihre Busen meist kaum sichtbar und wenn noch klein oder nur leicht betont oder, was zu jener Zeit auch im Alltag Gebrauch war, mit einem Band bedeckt. Im Mittelalter beschreiben die Dichter mit großem Raffinement die kleinen zarten Lieblichkeiten, welche die Venuswesen verführerisch gekonnt durch die transparente Bekleidung erraten lassen. Mit der Renaissance erfährt die weibliche Brust in der Malerei eine starke erotische Ausstrahlung. Tizian (Tiziano Vecellio, 1477–1576) italienischer Maler, vor allem Peter Paul Rubens (1577–1640), flämischer Maler, heben deren Formen in ihren Gemälden hervor und lassen sie auch berühren und sinnlich liebkosen. Die Dekolletees werden tiefer, in den Korsagen werden Fischbeine eingenäht, um den zartweißen rundlichen Busen zur Geltung zu bringen. Der Bürgerstand ist jedoch von voluminösen Formen angezogen und lässt sie in Korsetts einschnüren, bis im zwanzigsten Jahrhundert die klassischen weiblichen Attribute wieder kaschiert werden und der sportliche, spindeldürre Frauenkörper ohne jegliche Rundungen angestrebt wird. Nebenbei hielt man aber auch die üppigen und großzügigen Formen zur Schau, besonders im Film wurden Stars mit prallen Busen gefragt. Die Mode »Oben ohne« ist jetzt ersetzt durch »Mitten ohne«. Auch heute hofieren wir noch beide Tendenzen je nach Garderobe, wird mit mehr Schaumstoff, Wasserbeutel oder Luft aufgefüllt, um den angestrebten Effekt zu erreichen. Wie wäre es, wenn Frauen zur Befriedigung der männlichen Phantasien nicht nur zwei, sondern vier Busen hätten, einen zierlich anmutigen »Tagesbusen«, den man ein- und verkleidet und der nur für die Augen erreichbar ist und auf Distanz verführt, sowie einen vollen, fassbaren »Nachtbusen«, den man nicht nur mit den Augen ausziehen, aber auch in den Händen verspüren darf? Die Kunst der ästhetischen Chirurgie bietet uns, je nach Lust und Laune das Volumen zu vergrößern oder zu verringern. Die Frau wünscht sich zu Weihnachten eine »Restaurierung ihrer Fassade«, ein Facelifting, und die 18-jährige Tochter kriegt eine Busenvergrößerung. Im 19. Jahrhundert waren die Mädchenpensionate in Paris und London berühmt für das Schnüren der Korsetts. Es war Brauch, dass die Pensionärinnen jeden Monat ihre Taillenweite um einige Zentimeter verringerten, um beim Austritt eine Wespentaille, bis zu unter 40 Zentimeter vorzuweisen. Eine Gouvernante überprüfte die tägliche Disziplin der teilweise rebellierenden Schülerinnen, damit diese sich gegenseitig beim Anziehen der Korsetts behilflich waren. Sie wurden gezwungen, diese so eng wie möglich zuzuschnüren, wofür teilweise auch körperliche Züchtigung angewendet wurde, wie das Überlegen über ein »Pferd«. Es geschah sogar, dass den an den Händen aufgehängten Mädchen Rutenschläge auf den Rücken zur Demütigung und Zähmung verabreicht wurden. Wien hatte diesen Kult übernommen und wurde hauptsächlich berühmt durch die schmale Taille der Kaiserin Elisabeth »Sissi« (1837–1898), die mit 1,68 Meter Größe und 50 Kilo Gewicht eine Taille von 48,5 Zentimetern Umfang hatte. Wir können uns natürlich fragen, ob die Vorsteherinnen dabei ihre sexuellen Phantasien auslebten. Diese Tradition hat auch Männer inspiriert, sei es aus gesundheitlichen Gründen, als so genannte Rückenstütze oder zum Tragen unter der Jagduniform, oder als Fetischist selber diese Tortur leiblich zu erleben oder schriftstellerisch, wie der Autor dies in der bekannten Biografie der Fanny Hill niederschrieb. Viel Phantasie herrscht um das Tragen des Korsetts von effeminierten Männern, deren Gouvernanten sie dazu gezwungen hätten, wie sie ihnen ebenfalls Frauenbekleidung, Unterröcke und hohe Absätze aufgezwungen hätten. Meistens handelte es bei jenen Geschichten um eine männliche Phantasie, kam es doch kaum vor, dass sich Frauen in Militäruniform geschnürt hätten. Heute wagen Männer ihre Schwächen zu Frauenbekleidung eher auszuleben, so wie im fetischistischen Transvestitenkult, wo das Schnüren von Korsetts an ihrem eigenen Körper Spaß bereitet. Das Korsett mit seinen Fischbeinen musste seinen Platz gewisser Umstände halber in der alltäglichen Garderobe der Frau dem Büstenhalter und der Strumpfhose abtreten. Derzeitig scheint es sogar, dass man seine zweite Haut ablegen will, um lediglich die erste zur Schau zu halten. Wir sind mithin Meilen entfernt von den das Berühren und die Sinnlichkeit barrikadierenden steifen Korsetts. Fühlt möglicherweise unser Körper nicht mehr die graziösen Dessous, sondern gleich die Blicke? Die Haut-Couture, welche den Augen den schwellenden Busen, die entzückende Wespentaille und mit Strumpfbändern ausgeschmückte Schenkel nicht entziehen wollte, nähte die Fischbeine direkt in die Abendkleider ein und brachte den Strumpfgürtel mit seinen hochgezogenen Strapsen oder die Guepiere, ein dem Korsett ähnlicher Gürtel. Seit jeher wirken Venus in Pelz, Wespentaille in Schnürkorsetts eingeengt, Schenkel in schwarzen Fischnetz-Strümpfen, in Strümpfen mit Naht, die auf hochhackigen Satin-Schuhen balancieren oder in hocheleganten Lackleder-Stiefeletten oder Stiefeln mit Stilettabsätzen umher stolzieren, mit glänzendem Leder umhüllt schwingende Hüften, Frauenhände, denen sich ein feiner Lederhandschuh anschmiegt, lange blonde Haare wie atemberaubenden, magischen Zauber auf die Männer. Warum bleiben diese optischen Eindrücke so populär und so sexy? Offensichtlich ihrer phallischen Symbolik wegen. Ist der Kult der Schnürpraxis des Korsetts vielleicht ein männliches Phantasma einer hilflosen, zerbrechlichen Frau, welche völlig seiner Kontrolle ausgeliefert ist, umso mehr, wenn er ihr beim Zuschnüren behilflich sein darf, was früher den sorgfältigen Händen der Gouvernante anvertraut wurde? Dieser uns aus dem Viktorianischen Zeitalter überlieferte Kult der Wespentaille, das Betonen der weiblichen Hüfte, das zur Schau tragen der Brüste in praller Üppigkeit, welche durch das Korsett erreicht wurde, wird in der Moderne von Stars immer noch angestrebt, indem sie sich Rippen heraus operieren lassen. Außerdem entspricht das Korsett als Accessoire dem Modetrend, und wir tragen es über den üblichen Kleidern, beliebig findet es auf Bällen bereits seinen Platz als metallisch glänzende Oberbekleidung, oder es wird mit zartem Chiffon und Spitzen besetzt. Bei den mädchenhaften Ausführungen fehlt der Akt des Schnürens, was der Reiz der Vergangenheit war, welcher jedoch einige zeitgenössische Modeschöpfer immer noch im Banne hält, denn etliche ihrer Kleider können nur mit Korsetts getragen werden, ansonsten würden die Knöpfe ausreißen und der Busen wäre nicht geeignet gehoben, um ihn atemberaubend zur Schau zu halten. Wir finden jedoch auch die Variante in fein zartem Leder hergestellt, die mit ihrem eng geschnürten Effekt an den Bondage-Kult erinnert. Das Wohlbehagen im Korsett liegt heute im Interesse von allen Korsettherstellern, dass ja nichts drückt noch klemmt, stattdessen soll man sich gehalten, wie von Händen umfasst fühlen, denn Frauen kaufen heute weniger nur für den Mann, sondern verspüren die Lust, ihre Figur vorzuführen, die Hüften seitlich zu schwingen, den schwellenden Busen im freizügigen Dekolletee zu präsentieren. Außer dem ästhetischen und edlen Aspekt des Pelzes, hat er wie der Samt seiner taktilen Beschaffenheit wegen eine erotische Ausstrahlung, wird doch die in Pelz gehüllte Frau gerne einem Raubtier oder einer Katze gleichgesetzt, welche sogar eine bestimmte Grausamkeit ausüben könnte, wogegen der Samt seinem Glanz und Schatten-Effekt wegen eine sehr verführerische Wirkung ausübt. Seit jeher hat die Haarpracht in allen Kulturen mythische, emotionale und künstlerische Bedeutung, ist Ursache von Mysterien und Inspirationen und ist eine Art nicht verbale Sprache. So haften die langen blonden Haare immer noch am Mythos des Zarten, Reinen, Engelhaften, auch Unerreichbaren, wofür der Mann sich ringen muss, um an die ersehnte Blondine zu gelangen. Wie mit der Bekleidung wünschen wir mit unseren Haaren unsere Persönlichkeit preiszugeben, auch unser Bild, das wir von uns selbst haben. Als individuelle Persönlichkeit haben wir die Tendenz, unsere Haarpracht voll sprechen zu lassen, wogegen die klassische mit einer eher unauffälligen Frisur ihre geordnete Persönlichkeit beweist. Die Frau, die nicht vergessen werden will, lässt sich, um ihre Fraulichkeit zu unterstreichen, die schönste Frisur, die ihre einladende Sinnlichkeit zeigt, aufbauen.
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