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Leseprobe (Seiten 41-45)
Angelina Die Sterbebegleitung hat mich gelehrt, dass es zwischen Himmel und Erde Dinge gibt, die unerklärlich sind und doch geschehen. Ende November trat Frau Schlochtermeyer in unser Leben – werde sie Angelina nennen – sie war der rettende Engel in ausweglos scheinender Zeit. Eine kleine 83-jährige Dame, starke Persönlichkeit, vom Glauben durchdrungen und mit der Gabe versehen, verzweifelten hilfsbedürftigen Wesen, die Erlösung erflehen, um innere Ruhe ringen, zu helfen. Sehr schnell entwickelte sich eine echte liebevolle Verbindung. Ich ließ die beiden allein, um nicht zu stören – die Gebete intensiv, von Schluchzen und Tränen begleitet. Kurt hat sich ganz geöffnet, die Qualen seiner gepeinigten, zermarterten Seele preisgegeben – und Angelina zeigte immer Verständnis. Ihm von der unendlichen Güte Gottes berichtet, der besonders behutsam sein wird mit Lebewesen, die auf Erden Höllenpein ausgesetzt waren. Immer öfter beteten sie gemeinsam das Vaterunser. Mein tägliches Dasein änderte sich insofern, dass ich morgens ganz hektisch, laut wimmernd begrüßt wurde: »Wir müssen gleich beten und danken, dass du gesund angekommen bist; das könnte auch anders sein.« Da hatte er Recht. Wie gut, dass er nicht wusste, dass seine Frau über eine Schnellstraße hastete, alte Steinstufen rauf, am Wald entlang – schlecht beleuchtet – eine gefüllte Wasserflasche in der Hand, falls jemand aus dem Gebüsch treten sollte ... Diese panikartige Gebetsphase dauerte etwa drei Wochen, dann wurde sie immer ruhiger, gelassener; das Weinen hörte allmählich auf und vor Weihnachten sagte Kurt: »Angelina darf uns immer besuchen, aber für meine Seele brauche ich sie nicht mehr. Ich bin glücklich.« Und Angelinas Worte: »Mein schönster Tag, der 22.12.04, als Ihr Mann offenherzig eingestand: ›Jetzt hat das Leben einen Sinn – habe allen vergeben – bin frei und in Frieden.‹ « Wenige Tage vor seiner Abberufung faltete er meine Hände, legte die seinen darüber: »Hast auch du allen Schuldigern vergeben?« Erst als ich bejahte, lehnte er sich gelöst zurück – »Dann kann ich zu Gott gehen.« In Angelinas Bewusstsein ist tief verwurzelt: Niemand wird verdammenswert geboren, aber es gibt dunkle Wesenheiten und wer es zulässt, bei dem schleichen die Unholde sich ein, nisten sich fest – Schlimmes verheißend. Drei davon, der Neid, der Hass, die Angst. Menschen werden zu schändlichen Dingen getrieben – bis hin zum Mord. Diese Teufelsmächte fürchten das Gebet (man sagt ja im Volksmund »... wie der Teufel das Weihwasser«) und auch so sind sie nur zu vertreiben.
Ein unsichtbares stählernes Band ward geknüpft – wie konnte es anders sein, dass Angelina des Nachts erwachte, ein Bild sah: Ein kleiner Bub geisterte verloren umher. »Mein Kind, wer bist du denn, brauchst du Beistand?« Die Erscheinung verblasste und nebelartig stieg die Gestalt eines Jünglings empor. »Herr, was willst du mir sagen?« Da plötzlich – ein sichtbares Zeichen und sie versuchte, durch Gebete die schwere Last des Kreuzes zu mindern. Bei der nächsten Begegnung Kurts bange Nachfrage: »Haben Sie meine Hilfeschreie gehört?« »Ja, der himmlische Vater hat sie mir vermittelt. « – Welch wunderbare Erkenntnis ... Wenn mir jemand all dies vor ein paar Monaten erzählt hätte – Unverständnis, Ungläubigkeit wären die Folge gewesen. Nun habe ich meine Einstellung zum Schicksal, zu Gott neu überdacht. Ich habe die schmale Gratwanderung gespürt– oftmals zu dicht am Abgrund gestanden und die Befürchtung, mein geliebter Kamerad würde im Wahnsinn enden, angekettet in einer Nervenheilanstalt – eine entsetzliche Vorstellung; deshalb ist diese Wende, Errettung ein wahres Wunder. Das Versprechen Angelinas hat sich erfüllt: Friedvoll ging er von Erden – ewig sei ihr dafür gedankt! »Ich werde Ihnen sagen, wenn er im Lichte angekommen, alle meine Kinder, die ich zu Gott geführt habe, erscheinen mir.« Ungefähr zehn Tage nach seinem Heimgang berichtete sie: »Ich hab ihn gesehen, er hat sich mir gezeigt, sein Geistkörper Mitte vierzig, mit zwei gesunden Beinen – und Ihr Haupt hatte er mit unzähligen Rosen geschmückt.« – Welch ein beseligender Gedanke
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