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Irmgard H.B. Suchier erzählt ihre Lebensgeschichte:
Papier, Bücher und Siegellack gab es immer im Haushalt meiner Eltern und auch ich habe diese Tradition fortgesetzt. Auch bei mir stehen Bücher an erster Stelle und Papier und Siegellack habe ich immer vorrätig. Geboren bin ich in einem großen Haus in Hadamar. Wir wohnten im obersten Stockwerk. Es war eine Dienstwohnung. Allein der Flur war so lang wie ein Wikingerschiff. Zu meinen ersten Spielsachen gehörten Bücher, auch eine dicke Bilderbibel. Leider ist sie in einer Bombennacht in Frankfurt verbrannt. Laufen konnte ich sehr früh und das wie ein Wiesel, nur mit dem Sprechen haperte es zunächst. Aber ich lernte es noch sehr gut.
Im Sommer spielte ich in unserem Garten oft im Sandkasten, meistens ohne Aufsicht. Manchmal kam ein älteres Kind aus der Nachbarschaft, passte auf mich auf und spielte mit mir. Bis ich zur Schule kam, kannte ich nur wenig Kinder, erst in der Schule traf ich auf Gleichaltrige und fand auch bald Freundinnen, die meist in ärmsten »Kabachen«, wie meine Eltern die alten Häuser in der Kirchgasse nannten, zu Hause waren. Mit ihnen ließ sich am wildesten spielen, draußen am Forellenbach oder dem Elbbach, genannt »die Bach«. Ich war es gewöhnt, bergauf und bergab zu laufen, oft auch allein. Anfang des Krieges gab es einen großen Einschnitt in meinem Leben. Meine Mutter und ich, mein Vater war irgendwo bei der Wehrmacht, mussten nach Frankfurt/Main umziehen. Hier kam ich in die zweite Klasse einer Mädchenschule und merkte bald, dass mir meine Klassenkameradinnen viel voraus hatten. Ich mogelte mich durch meine Schulzeit und verließ die Schule nach der 6. Klasse. Ich war seinerzeit eine der ersten aus unserer Klasse, die ins Berufsleben eintrat. Meine »Mittlere Reife« machte ich erst 25 Jahre später.
Unsere erste Wohnung in Frankfurt brannte aus, aber kurz vor Kriegsende konnte mein Vater ganz in der Nähe der alten eine neue Wohnung erhalten. In der lebe ich heute noch. Zwischen dem Ende der Kampfhandlungen und dem »Ernst des Lebens« gab es eine herrliche freie Zeit, die ich meist damit verbrachte, eine Leihbibliothek, die schon geöffnet war »auszulesen«. Ich erinnere mich an Courths-Maler und Natalie von Eschtruth. Auch nach der Ausbombung gab es immer genug Bücher im Haus, ich selbst hatte schon früh eine kleine Bibliothek.
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Dann wurde ich krank, sehr krank und lag sieben Monate in einer Heilstätte im Taunus. Und was tat ich dort? Außer essen, schlafen und spazierengehen? Natürlich lesen. Was sollte ein so kranker Mensch auch anderes tun? Es folgten Jahre, in denen ich teils berufstätig war, Kurse besuchte, ein bisschen Geld verdiente und ausgiebig Ferien machte, wenn ich eine Arbeitsstelle wechselte. Der Grund, warum ich ausflog, war das meist gespannte Verhältnis zu meiner Mutter, die immer etwas anderes für mich wollte als ich selbst. Sie hatte eben eine andere Vorstellung vom Glück als ich. Dann kam eine »Katastrophe«. Ich hatte mich in den falschen Mann verliebt, das heißt, in einen Mann, der mich nicht heiraten durfte und den man von Frankfurt weg versetzte. An diesem Schlag habe ich sehr lange verdaut. Er hat mich mehrmals zusammenbrechen lassen. Ich wurde in Sanatorien gesteckt, behandelt und es hat lange gebraucht, bis ich mich aus meinem Kummer herausgewunden hatte. Dabei half mir ein Journalistenehepaar, das bei uns im Hause wohnte und mir auch zeigte, wie Artikel verfasst werden. Dank meines natürlichen Talents wurde in mir bald die Lust am Schreiben geweckt. Die ersten journalistischen Schritte machten Spass. Meine Artikel Schwarz auf Weiß gedruckt zu sehen, stärkte mein angeknackstes Selbstbewusstsein.
In einer Kur im Schwarzwald lernte ich einen Perser kennen. Dieser Kontakt gedieh im Laufe der Jahre durch viele Briefe so weit, dass ich nach Persien eingeladen wurde. Ich schaffte es, über Rom nach Teheran zu fliegen und verbrachte dort zehn Monate ohne Stress, ganz allein auf mich gestellt, ohne Mutters mahnende Worte. Allerdings mit anderen Gefahren konfrontiert. Nach Persien hatte ich eine Kiste mit Büchern aus Europa mitgenommen. In meiner Wohnung in Sargandeh konnte ich endlich mit Muße und Ruhe lesen. Goethes Faust und andere Literatur, und ich konnte in Ruhe Briefe schreiben. Aus Persien kam ich, »ohne eine Tochter«, nach zehn Monaten wieder heraus, aber es war gar nicht so einfach. Wie sagte ein französischer Dichter: »Die Wüste macht fromm«. Ein Satz, dessen Wahrheitsgehalt ich nur bestätigen kann. Denn in der Wüste, sie fing hinter dem Haus, in dem ich in Sargandeh wohnte, an, lenkt nichts ab, kein Baum und kein Strauch. Nur die Weite der Landschaft bis zum Horizont dringt ins Auge. In der Wüste findet Gott den besten Zugang zur menschlichen Seele. Damals fing ich an, Gedichte zu schreiben. Der Wunsch, ein Buch zu schreiben, war zwar schon lange in mir, aber es dauerte dann doch noch eine Zeit lang bis ich diesen Wunsch umsetzen konnte, gemäß dem Motto von Goethe: »Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen.« Eine Freundin meinte später, meine ersten Gedichte seien etwas schwülstig, aber in zunehmendem Alter entwickelt sich der menschliche Geist, oder etwa nicht?
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In Frankfurt zurück, wohnte ich bei Onkel und Tante und langsam wuchs ein religiöses Bewusstsein in mir. Unterstützt wurde ich durch Gespräche mit einem Franziskanerpater, der mir vieles erläuterte, was mir von der katholischen Lehre unbekannt und auch unklar war. Ich hatte etwas Geld gespart und ging auf Reisen. Rom war mein begehrtes Ziel. In Rom traf ich auf Menschen, die mein Leben zeitweise mitbestimmt haben. Endlich fand ich eine Freundin, die mit meinem Herzen übereinstimmte, die mich verstand und die mein durch psychische Krisen angeknackstes »Ich« aufrichtete. Einen solchen Menschen zu finden ist Glück und Gottes Gnade. In Assisi entschied ich mich, katholisch zu werden, das heißt nicht zu werden, sondern zum Katholizismus überzutreten. Denn katholisch werden heißt, hineingeboren zu sein in eine katholische Erziehung. Ich aber war in eine evangelische Erziehung hineingeboren. Mit 30 Jahren trat ich dann in Rom in die katholische Welt ein. Ich wurde mit römischem Wasser nochmals getauft, aber doppelt hält vielleicht besser. In der katholischen Welt habe ich vieles erlebt, beispielsweise als ich bei Pater Werenfried van Staaten in seinem Team arbeitete. Hätte ich damals die Erfahrungen von heute gehabt, vieles wäre anders gelaufen. Jedenfalls flog ich damals bei ihm raus. Es war nicht das erste Mal, dass ich irgendwo rausflog.
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Als ich 38 Jahre alt war, meinte mein Onkel, ganz sachlich und ruhig, es sei an der Zeit, das Wandern einzustellen, mich zu etablieren, wegen meiner Rente im Alter. Recht hatte er. Was er nicht wusste war, dass ich ein Lebenskonzept verfolgte, über das ich aber nie sprach. War ich mal wieder in Frankfurt, nutzte ich die Kontakte zur Kirchenzeitung und die schickten mich als Reporterin zum »Vortragskatholizismus« und im Laufe der Jahre schrieb ich viele Artikel. Durch diese Artikel wurde ich bekannt und dann nach Mainz gerufen. Mit 40 Jahren begann ich dort in der Pressestelle der Diözese zu arbeiten. Sieben Jahre blieb ich in Mainz. Das waren meine nachgeholten »Lehrjahre«, ich holte zwei Berufsabschlüsse nach, engagierte mich in einer Partei. Es waren gute Jahre, bis ich auch dort rausflog. Das Glück blieb mir treu oder soll ich sagen, es waren Gottes Wege, die ER mir ebnete? Ich fand eine Stelle in Frankfurt bei einer Behörde und blieb dort 13 Jahre, bis ich in Ehren in den Ruhestand ging. Es dauerte noch einige Jahre, bis ich mich endlich daranmachte, meine Lebenserinnerungen, die zum Teil in einer großen Kiste lagerten, zu sortieren. Ich hatte mein Leben auf Papier und in meinem Kopf gespeichert und konnte mich hinsetzen und aus der Fülle schreiben. Zwar hatte ich vorher schon zwei Bücher geschrieben, aber das waren mehr Erfahrungsübungen. Als ich endlich ein Raster aufgestellt hatte, wurde ich sehr schwer krank. Der Befund in der Brust wurde ganz frühzeitig erkannt, aber bösartig war er trotzdem. Nach Operation und Nachbehandlung habe ich heute die Hoffnung, wieder ganz »heil« zu sein.
»C’est la vie« sagt der Franzose, ein Leben für ein Buch, mein zweites Lebensziel ist erreicht. Jetzt endlich steht das Buch zur Verfügung. Es hat gedauert, aber wie sagt der Araber, der Geduldige erreicht alles. Der andere Wunschtraum meiner Kindheit, mein erstes Lebensziel, war eine Weltreise, einmal rund um die Welt zu fahren. Auch das habe ich erreicht. Ob ich noch Lebensziele habe? Aber und ob. Ich denke aber, ich habe mehr Ziele als Gott mir noch erlaubt, zu erreichen.
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Gespräch auf der Buchmesse zwischen der Autorin Irmgard Suchier und einer kritischen Leserin
»Sag, Irmgard, was hat dich veranlasst, in diesem Literatur-Mega-Markt von etwa 35.000 Büchern dein Buch vorzustellen?«
»Ich erinnere dich daran, dass die »Dunkelgrüne Meeresmauer«, der Gedichtband, bereits auf der Messe stand. Mein Buch »Über Brücken des Schicksals« ist nicht mein Erstlingswerk.«
»Wieso hast du von dir selbst so viel preisgegeben? Warum hast du dieses Buch geschrieben?«
»Für eine Aktivität muss es nicht nur einen Grund geben. Kreativität speist sich aus vielen Quellen.«
»Und die wären?«
»Ein Urgrossvater von mir war Verleger. Bücher gehörten zum Handwerkszeug meiner Familie. Gelesen habe ich vom Abenteuerroman bis zu den Klassikern, von Vaters Gerichtsakten bis zur Bibel sehr sehr viel.«
»Und da hast du dich dazu entschlossen, selbst zu schreiben?«
»Das habe ich schon als Journalistin ‘free lance‘ geübt. Der Wunsch, ein Buch zu schreiben, schlummerte seit Kindertagen in mir. Es brauchte Zeit, bis sich der richtige Stoff herauskristallisierte.«
»Gut, du hast dein Leben aufgearbeitet, du hast geschrieben. Aber du musstest das doch nicht veröffentlichen. Was willst du mit dem Buch?«
»Was ich mit dem Buch will? Aufzeigen, dass ein Mensch nicht verzweifeln soll. Das Schicksal hält Alternativen und Chancen bereit. Das bedingt Flexibilität und die erreicht ein Mensch auch dadurch, dass er seine Ansprüche ans Leben reduziert auf das Notwendigste. Dazu gehört die Freiheit von Besitz, der immer ein Klotz am Bein ist, es sei denn, er ist auf der Bank sicher angelegt.«
»Oder in einem Buch deponiert!!!«
»Ja, und wichtig ist auch, sein Leben in Gottes Hand zu geben, zu beten, zu bitten, sich in Geduld zu üben. Ich vertraue immer darauf, dass Gott eine Lösung meiner Probleme findet. Gottvertrauen ist der Hoffnungsstrahl, auf dem ich wandere. Allerdings basieren Abenteuer, Wunder und Erfolg auch auf einer gewissen Risikofreudigkeit im Leben. Wer so dahinlebt, verschenkt viele herrliche Möglichkeiten des Daseins.«
»Ich sehe, dein Buch hat einen pädagogischen Ansatz?«
»Stimmt, aber auch einen historischen. Es wird als Quelle der Geschichtsforschung dienen können, z.B. bei der Klärung von Vorgängen aus dem 3. Reich.«
»So gesehen, hast du genau gewusst, was du schreiben willst.«
»Ja, das habe ich. Meine Mutter pflegt zu sagen: wat schrift, dat blift – Wer schreibt, der bleibt!«
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